Wir stehen vor dem Eingang des Grand Hotels, einem dekadenten Zeugnis des luxuriösen Tourismus in Locarno am Ende des 19. Jahrhunderts, als die Stadt dank dem Bau der Gotthardbahn eine außergewöhnliche Entwicklung erlebte.
Das Grand Hotel wurde zwischen 1874 und 1876 vom Architekten Francesco Galli für eine Gruppe von Investoren rund um Giacomo Balli, Mitglied einer bedeutenden Unternehmer- und Kaufmannsfamilie aus dem Valle Maggia, entworfen und gebaut.
Das Hotel erstreckt sich über eine Fläche von fast 10.000 Quadratmetern, die sich auf das Gebäude, ein typisches Beispiel für die Belle Epoque, und den einst üppigen Garten verteilen. Im Inneren empfing die Gäste ein prächtiger Saal voller Spiegel und vergoldeter Einrichtungsgegenstände. Von hier aus gelangte man auf den Balkon und dann über eine breite, beeindruckende Treppe hinunter, von der aus man einen wunderschönen Blick auf den See hatte.
Für die diplomatische Konferenz 1925 war das Grand Hotel, das prestigeträchtigste Hotel der Stadt, Gastgeber für die Delegierten aus Frankreich, Belgien, Italien, Großbritannien und der Tschechoslowakei. Die polnische Delegation fand keinen Platz im Grand Hotel und wohnte im Albergo Metropol auf der Piazza Grande. Die deutsche Delegation wählte ein etwas abgelegeneres Hotel, das Hotel Esplanade in Minusio.
In der Lobby wurde eine Gedenktafel angebracht, um an die "elf Tage des Schwungs und der Hoffnung" zu erinnern, wie der Historiker Mario Agliati die Friedenskonferenz nannte.
1946, zwanzig Jahre nach der Unterzeichnung des Abkommens von Locarno am Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde das Grand Hotel zum Austragungsort des Internationalen Filmfestivals Locarno. In den ersten Jahrzehnten fanden die Filmvorführungen im Park des Hotels statt. Im Jahr 1971 wurden die Vorführungen auf die Piazza Grande verlegt. In der Folge erlebte das Grand Hotel einen Niedergang, der 2005 zu seiner Schliessung führte. Die Restaurierungsarbeiten am Hotel beginnen im Jahr 2023, und die Eröffnung ist für 2026 geplant.